← Zurück zum Blog

Die Situation kennen viele Familien: Auf dem Konto läuft noch ein Ratenkredit fürs Auto oder die Küche, der Dispo wird regelmäßig angeknabbert, und gleichzeitig hört man überall, wie wichtig es sei, jetzt mit dem ETF-Sparen anzufangen. Also: erst die Schulden weg, oder gleichzeitig investieren?

Die ehrliche Antwort ist kein pauschales Entweder-oder. Sie hängt an einer einzigen Zahl: dem Zinssatz eurer Schuld. Dieser Artikel zeigt, wie ihr diese Zahl nutzt, um klar zu entscheiden.

Der Kerngedanke: Eine Schuld zu tilgen ist eine garantierte, risikofreie Rendite in Höhe des Schuldzinses. Investieren bringt im Durchschnitt mehr, aber ohne Garantie. Wer beide Zinssätze nebeneinanderlegt, hat die Entscheidung meistens schon getroffen.

Der Rechentrick, den viele übersehen

Wer einen Kredit mit 10% Zinsen um 1.000 Euro schneller tilgt, spart 100 Euro Zinsen im Jahr, sicher und garantiert. Wer die gleichen 1.000 Euro stattdessen in einen ETF steckt, hofft auf eine ähnliche oder höhere Rendite, muss dafür aber Kursschwankungen und ein echtes Verlustrisiko in Kauf nehmen. Tilgen ist im Kern nichts anderes als eine Geldanlage, nur ohne das Risiko.

Die Rechnung wird erst interessant, wenn man die tatsächlichen Zinssätze verschiedener Schuldenarten nebeneinanderstellt:

Schuldenart Typischer Zins Charakter
Dispokredit ≈ 11,3% p.a. im Schnitt (bis 13,7%) Teuerste reguläre Verschuldung, sollte nie dauerhaft laufen
Geduldete Überziehung ≈ 13,0% p.a. im Schnitt Noch teurer als der reguläre Dispo, häufig übersehen
Ratenkredit (Konsum, Auto) ≈ 8,5% p.a. im Schnitt Deutlich günstiger als Dispo, aber immer noch teuer
Baufinanzierung (10 Jahre fest) ≈ 3,6% effektiver Jahreszins im Schnitt Günstigste Kreditform, oft niedriger als die erwartete Marktrendite
ETF-Weltportfolio 7–9% p.a. historisch, langfristig Erwartete, aber nicht garantierte Rendite, mit Schwankungen

Zinssätze Stand Juli 2026, Quellen: BaFin-Auswertung Dispozinsen, Bundesbank-Statistik Baufinanzierung, Marktdurchschnitte Ratenkredite. Die genauen Werte schwanken je nach Bank und Bonität, die Größenordnung bleibt aber stabil.

Warum Dispo und Ratenkredit fast immer zuerst dran sind

Ein Dispo mit 11% Zinsen kostet mehr, als ein ETF im langfristigen Schnitt einbringt, und das garantiert. Es gibt keine seriöse Geldanlage, die euch sicher 11% pro Jahr verspricht. Wer trotzdem gleichzeitig investiert und den Dispo laufen lässt, zahlt drauf, auch wenn sich das Investieren gut anfühlt.

Beispiel · Familie mit 4.000 € Dispo

200 € im Monat frei: tilgen oder investieren?

Zinskosten Dispo (11% auf 4.000 €, 1 Jahr) ≈ 440 €
Erwarteter ETF-Gewinn bei paralleler Anlage (7%, 1 Jahr) ≈ 280 €
Rechnerischer Nachteil bei paralleler Anlage ≈ 160 € pro Jahr

Und das im günstigsten Fall, wenn der Markt tatsächlich 7% bringt. In einem schwachen Börsenjahr wird die Lücke noch größer. Die 200 Euro im Monat sind beim Dispo besser aufgehoben, bis er auf null steht.

Die Ausnahme: günstige Kredite wie die Baufinanzierung

Bei einem Baudarlehen mit 3,6% Zinsen dreht sich die Logik. Die erwartete ETF-Rendite von 7 bis 9% liegt rechnerisch über dem Kreditzins. Wer hier jeden freien Euro in die Sondertilgung steckt, statt zu investieren, verschenkt langfristig Rendite, rein rechnerisch betrachtet.

Trotzdem ist das keine automatische Entscheidung für das Investieren. Schuldenfreiheit hat einen Wert, der sich nicht nur in Prozentpunkten ausdrücken lässt: weniger monatliche Fixkosten, mehr Sicherheit bei Jobverlust oder Elternzeit, ein besseres Gefühl. Beides ist legitim.

Weiterlaufen lassen und parallel investieren passt, wenn...

...der Kreditzins klar unter der erwarteten Marktrendite liegt (wie bei den meisten Baufinanzierungen), der Job sicher ist, der Notgroschen bereits steht, und ihr mit den monatlichen Raten gut zurechtkommt.

Vorzeitig tilgen passt trotzdem, wenn...

...euch die monatliche Belastung wichtiger ist als die theoretische Mehr-Rendite, ihr auf Nummer sicher gehen wollt, oder eine Sondertilgung ohnehin im Vertrag kostenlos möglich ist und ihr die Restlaufzeit spürbar verkürzen wollt.

Die Prioritätenreihenfolge für Familien

Wer beides gleichzeitig hat, teure Schulden und den Wunsch zu investieren, kommt mit dieser Reihenfolge am weitesten:

1. Teure Schulden zuerst weg. Dispo und Ratenkredite mit mehr als etwa 6 bis 7% Zinsen haben immer Vorrang. Hier gibt es keine Diskussion, jeder freie Euro geht in die Tilgung.

2. Notgroschen aufbauen. Erst wenn die teuren Schulden weg sind, kommt der Puffer für Notfälle. Ohne ihn landet man beim nächsten unerwarteten Ausgaben sofort wieder im Dispo. Wie groß dieser Puffer für eine Familie realistisch sein sollte, haben wir im Notgroschen-Artikel im Detail durchgerechnet.

3. Günstige Schulden normal weiterlaufen lassen. Eine Baufinanzierung mit 3,6% muss nicht vorzeitig getilgt werden, sie kann parallel zum Vermögensaufbau laufen.

4. Investieren. Erst wenn die ersten drei Punkte stehen, ist regelmäßiges ETF-Sparen dran, planbar und ohne das Gefühl, gleichzeitig an zwei Fronten zu kämpfen.

Der häufigste Fehler, den wir im Coaching sehen: Familien starten einen ETF-Sparplan, weil es sich gut anfühlt, während der Dispo im Hintergrund weiterläuft. Psychologisch verständlich, rechnerisch ein Verlustgeschäft. Erst die teure Schuld, dann der Sparplan.

Mehrere Schulden gleichzeitig: Schneeball oder Lawine?

Wer mehrere Kredite parallel abbezahlt, kann nach zwei Methoden vorgehen:

Lawinen-Methode: Die teuerste Schuld zuerst tilgen, unabhängig von der Höhe. Mathematisch die günstigste Variante, weil die höchsten Zinskosten am schnellsten verschwinden.

Schneeball-Methode: Die kleinste Schuld zuerst tilgen, unabhängig vom Zinssatz. Kostet meist etwas mehr Zinsen insgesamt, sorgt aber für schnelle Erfolgserlebnisse, weil einzelne Kredite komplett verschwinden.

Für die meisten Familien lohnt sich die Lawinen-Methode rechnerisch mehr. Wer aber merkt, dass die Motivation ohne kleine Zwischenerfolge kippt, fährt mit dem Schneeball langfristig trotzdem besser, weil er tatsächlich durchhält. Die beste Methode ist die, die man konsequent durchzieht.

Was ihr jetzt tun solltet

Alle Schulden auflisten. Betrag, Zinssatz, monatliche Rate. Erst wenn die Zahlen auf dem Tisch liegen, lässt sich sauber priorisieren.

Alles über 6 bis 7% Zinsen zuerst angreifen. Dispo und teure Ratenkredite haben Vorrang vor jedem Investment.

Notgroschen parallel im Blick behalten. Sobald die teuren Schulden weg sind, kommt der Puffer, bevor der erste Euro in den ETF geht.

Günstige Kredite wie die Baufinanzierung nicht überstürzt tilgen. Sondertilgungsrecht prüfen, aber nicht zwingend nutzen, wenn ihr stattdessen langfristig investieren wollt.

Nicht sicher, ob ihr zuerst tilgen oder investieren solltet?

Im kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam auf eure Schulden, eure Rücklagen und eure Ziele. 30 Minuten, kein Verkaufsdruck.

Kostenloses Erstgespräch buchen